Samstag, 14. Mai 2011

Verfahren - Ludwig Laher


Verfahren
Jelena, eine Kosovo-Serbin, wird in ihrer Heimat wiederholt Opfer unvorstellbarer Gewalt. Die geht nicht vom Staat aus, sondern von enthemmten Mitgliedern der Mehrheitsbevölkerung. Schwer traumatisiert, hofft die junge Frau nach zwei Selbstmordversuchen auf einen Neuanfang in Österreich. Dort aber gerät sie in die Mühlen eines unmenschlichen Asylrechts, das seinem Namen nicht gerecht wird.

Seit Monaten prägt das Thema Asyl die öffentlichen Debatten und sorgt nach jedem von den Medien aufgegriffenen Einzelfall für heftige Kontroversen. Ludwig Laher überträgt diese brandaktuelle Thematik auf eine literarische Ebene. Er erzählt die exakt recherchierte Geschichte Jelenas als roten Faden eines aufwühlenden Romans, in dessen Mittelpunkt das Justizwesen selbst steht, die Welt der Paragraphen und ihrer Anwendung, ein Spiegelbild unserer Verfassung im doppelten Wortsinn: vielschichtig, mitreißend diskret, erhellend und weit davon entfernt, komplexen Fragestellungen mit einfachen Antworten beikommen zu wollen.
Quelle: Haymonverlag

Jelenas Leben durchzieht das Buch als Hauptgeschichte, während auch von anderen Fällen berichtet wird. Dabei wechselt die Erzählung zwischen der Vorstellung einzelner Schicksale  und der Vorgehensweise einzelner Beamter sowie zwischen Auszügen von asylrechtlichen Entscheidungen!  

Obwohl die Thematik durchaus interessant ist, hat der recht langatmige und bürokratische Schreibstil mir oft die Lust am Lesen genommen.
Nur die einzelnen, sehr interessanten, traurigen Schicksale konnten mich bei der Stange halten. Denn ich wollte natürlich wissen was aus den Asylbewerbern geworden ist. So manches Mal konnte ich auch eigene, unbewusste Vorurteile reflektieren und musst mir eingestehen, dass ich mir zuweilen eine Meinung bilde ohne die Leute wirklich zu kennen. Weil es oftmals einfacher ist alle über einen Kamm zu scheren. Ich denke davon kann sich (fast) keiner frei sprechen.

Richtig erschreckt haben mich nicht nur die Erlebnisse der traumatisierten, Schutz suchenden Menschen,  sondern auch das langatmige Asylrecht mit seinen lustlosen Beamten. Flüchtlinge, die mehr mitgemacht haben als es unsere Vorstellungskraft erlaubt, müssen sich mit bürokratischen Spitzfindigkeiten rumschlagen. Ich kann mir noch nicht einmal vorstellen wie grausam es sein muss über Monate nicht zu wissen ob man DAUERHAFT in Sicherheit ist. Oder wie es sein mag wegen eines Übersetzungsfehlers abgeschoben zu werden. Da läuft doch irgendetwas falsch!

Das Cover gibt einen guten Einblick darauf, worum es im Buch schlussendlich geht. Es zeigt nämlich eine junge Frau, wartet in einem Flur. In diesem Fall wartet sie auf eine willkürliche Entscheidung über ihre Aufenthaltserlaubnis. Sie wartet auf Gerechtigkeit und wird dabei doch alleine gelassen.  

VERFAHREN ist auf jeden Fall ein Buch mit dem man sich Zeit lassen muss. Hier wird einem aufgezeigt das oft vielmehr  hinter einem Schicksal steckt als man vermuten würde. Unsere Gesellschaft soll wachgerüttelt werden und merken wie unberechtigt – und nicht wirklich objektiv – lebenswichtige Entscheidungen getroffen werden. Dennoch ist es auch wahrlich kein einfaches Buch, an dem viele sich wohl die Zähne ausbeißen werden. 


Autoreninfo:
Ludwig Laher, geboren 1955 in Linz, studierte Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie in Salzburg, Dr. phil.; lebt in St. Pantaleon (Oberösterreich). Er schreibt Prosa, Lyrik, Essays, Hörspiele, Drehbücher und Übersetzungen; dazu kommen wissenschaftliche Arbeiten. Mehrere Bücher, bei Haymon: „Selbstakt vor der Staffelei“. Erzählung (1998), „Wolfgang Amadeus junior: Mozart Sohn sein“. Roman (1999), „Herzfleischentartung“. Roman (2001), „So also ist das / So That’s What It’s Like“. Zweisprachige Anthologie (2002), „Aufgeklappt“. Roman (2003), „Folgen“. Roman (2005), „Und nehmen was kommt“. Roman (2007). „Ixbeliebige Wahr-Zeichen? Über Schriftsteller-‚Hausorthographien‘ und amtliche Regel-Werke“ (Studienverlag, 2008). http://www.ludwig-laher.com
Quelle: Haymonverlag

Mein herzlicher Dank für das Belegexemplar geht an Nicole Oberdanner und dem Haymon Verlag!

Kommentare:

  1. Hallo :-)
    Ja, ich gehöre zu denjenigen, die sich die Zähne ausgebissen haben ;-) Ich bin augenscheinlich mit falschen Erwartungen an das Buch rangegangen. Mich hatte die Geschichte von Jelena gelockt und ich war superenttäuscht, weil zu viele andere Schicksale betrachtet wurden.

    Im Großen und Ganzen schließe ich mich Deiner Meinung aber an!!!

    Liebe Grüße
    Bine

    AntwortenLöschen
  2. Ich glaube an dieser Lektüre hatte jeder zu knacken :-)
    Verfahren ist weitab davon "einfach" zu sein :-)

    Deine Rezi werde ich die Tage nochmal einstellen, das sie ja irgendwie verschwunden ist...

    Liebe Grüße,
    Sarah

    AntwortenLöschen